Unsere Übersicht bestätigt: Für Elektroautos gelten oft ähnliche Service-Intervalle wie für Verbrenner. Ist das sinnvoll?

Beim Kauf eines (E-)Autos spielen die Wartungsintervalle nur eine untergeordnete Rolle. Design, Power, Komfort und viele andere Dinge stehen bei der Auswahl des Modells im Vordergrund. Erst wenn sich der Bordcomputer meldet und zum Werkstattbesuch aufruft, machen sich die meisten Nutzer um dieses Thema Gedanken. Im schlimmsten Fall, wenn der Zahnriemen reißt.

Doch Spaß beiseite, bei Verbrennern ist man gewohnt, dass man einmal im Jahr oder spätestens alle zwei Jahre zum Service muss. Dort wird dann das Motoröl und gegebenenfalls die Bremsflüssigkeit gewechselt. Das entfällt freilich bei den Stromern, auch der Ersatz von Kupplungen und Auspuffanlagen steht nicht an. Zudem verschleißen die Bremsen bei Elektromobilen weniger schnell als bei Autos mit Benzin- oder Dieselmotor.

Der Verbrenner lässt grüßen

Doch wie reagieren die Automobilhersteller auf diese geringeren Anforderungen? Wir haben eine Umfrage gestartet und von allen Marken die Serviceintervalle aufgelistet. Leider haben sich nicht alle Marken beteiligt, doch schon auf den ersten Blick auf die Liste (siehe unten) erkennt man, dass die Intervalle denen der Verbrenner auffällig ähneln: Sie reichen von 15.000 Kilometer oder einmal im Jahr bei hin zu 30.000 Kilometer/alle zwei Jahre (ARI ab 5.000 km).

Markus Emmert, Vorstand beim BEM und Seminarleiter der dmt | akademie. Foto: Emmert

Da ein Ölwechsel bei einem Stromer indes nicht ansteht, stellt sich die Frage nach dem Sinn und Zweck dieser starren Intervalle. Und da rückt die Batterie in den Fokus. Markus Emmert, Vorstand des Bundesverbandes eMobilität (BEM) klärt auf: „Die Wartungsintervalle sind nicht etwa der Auslastung der Händler geschuldet, sondern vor allem für die Batterie eminent wichtig. Und zwar zum Auslesen des Zustands und vor allem dem Conditioning. Dabei wird der Akku langsam geladen und entladen, wobei die Zellen angepasst werden. Das sollte mindestens einmal im Jahr passieren – unabhängig von der Kilometerleistung. Das verlängert die Lebenszeit des Akkus ungemein und ist elementar wichtig.“

„Wichtig: das Conditioning“

Und er fügt hinzu: „Dieses Pflegeprogramm ist eine Software, die den ganzen Tag selbständig läuft, die Kosten belaufen sich also auf Standzeit, Softwareeinsatz und ein wenig Personalkosten. Ansonsten fällt bei einem Elektroauto natürlich wesentlich weniger Wartungsaufwand als bei einem Verbrenner an.“

Man sollte sich bei seinem Händler also informieren, in wie fern der Service die Batterie betrifft. Bei Volkwagen heißt es: „Eine klassische Wartung gibt es nicht. Aber natürlich eine Überprüfung mittels Software. Die Inspektion bei ID.-Modellen ist entweder nach Service-Intervall-Anzeige oder spätestens nach zwei Jahren ohne Kilometer-Begrenzung. Die Inspektionsarbeiten umfassen Fahrwerk, Elektrik, Motor, Getriebe und Karosserie. Dazu zählt auch der Wechsel von Bremsflüssigkeit und Innenraumfilter.

Augenmerk auf die Batterie

Auch Hans-Georg Marmit, Kfz-Experte der Sachverständigen-Organisation KÜS, unterstreicht: „Trotzdem geht es auch bei einem E-Auto nicht ganz ohne Service, überprüft werden müssen wartungsintensive Teile, die auch in herkömmlichen Autos installiert sind: Brems- und Beleuchtungsanlage oder Klimaanlage. „Ein besonderes Augenmerk verdient die Batterie“, so der Kfz-Experte. „Hier geht es um den allgemeinen Zustand des Akkus, die Pole, Kabelverbindungen, Anschlüsse, Ladegeräte. Die Abstände des Checks richten sich nach dem Verschleiß.“

Einziger Hersteller ohne feste Vorgaben ist Tesla. Dort heißt es: „Ihr Tesla erfordert weder Jahresinspektionen, noch einen regelmäßigen Wechsel von Betriebsflüssigkeiten. Prüfen Sie bitte dennoch Ihr Benutzerhandbuch auf die neuesten Wartungsempfehlungen für Ihren Tesla. Ihre Neuwagengarantie oder Gebrauchtwagengarantie wird nicht beeinträchtigt, falls die empfohlenen Wartungen nicht durchgeführt werden.“

Ein Auslaufmodell?

Tesla ist auch beim Service innovativ und gibt keine starren Zeitvorgaben. Foto: DMT.events

Wobei es irgendwann in der Zukunft nicht mehr nötig sein wird, das Auto für einen Systemcheck in die Werkstatt zu bringen. Bereits heute werden bei modernen Autos Software-Updates „over-the-air“ (zu deutsch: „über die Luft“), also über das Internet aufgespielt. Hergestellt wird die Netzverbindung entweder über die – falls vorhanden – bordeigene SIM-Karte, das gekoppelte Handy oder auch eine WLAN-Verbindung, wenn das Auto in der Garage steht. So werden kleinere Systemupdates gemacht und Navidaten oder Apps aktualisiert.

Künftig werden auch größere Eingriffe möglich – und wohl auch – nötig sein, denn mit zunehmender Digitalisierung der Fahrzeuge – mehr Vernetzung, umfassende Automatisierung – steigt das Risiko von Schwachstellen in der Software. Die heute typischen Wartungsintervalle von einem Jahr oder 20.000, 30.000 Kilometern sind in dieser digitalisierten Zeitrechnung zu lang, sagt Volker Breunig, Experte für vernetzte Services beim Automobilzulieferer Bosch. „Daher wird es zukünftig nicht die Frage eines Entweder-Oder sein, sondern es wird sich vielmehr eine Kombination aus Werkstatt und Over-the-Air-Updates durchsetzen.“

Den Werkstattmeister an Bord

Darüber hinaus hat das vernetzte Auto den eigenen Werkstattmeister in Zukunft immer an Bord: Sensoren erfassen fortlaufend den Zustand wichtiger Komponenten im Auto. Anhand dieser Daten sowie zusätzlicher Cloud-Informationen wird im Hintergrund permanent analysiert, ob beispielsweise mit Batterie oder Bremssystem alles in Ordnung ist. „Zeigen die Daten Verschleißerscheinungen der Komponenten, erhält der Fahrer rechtzeitig vor Auftreten eines Defekts einen Hinweis und einen Vorschlag für den nächsten Werkstattbesuch“, so Breunig.

Es sieht also so aus, dass die starren Vorgaben künftig ausgeweicht werden. Dass dadurch das Servicegeschäft der Händler beeinträchtigt wird, liegt auf der Hand, und es wird spannend sein zu sehen, wie die Hersteller dieses Problem lösen. HM/Titelfoto: Bosch

Alle Wartungsintervalle in unserer großen Übersicht (Download)